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Reisebericht von Venedig
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Venedig im Mai -
schöner kann man es kaum treffen.


Sinja

Ich musste für einige Tage in die Lagunenstadt und lud meine Tochter Sinja, 20, ein, mich zu begleiten. Meine Familie sieht meine Venedig-Verliebtheit mit gemischten Gefühlen.
Es schwankt zwischen Verständnis und gütiger Duldung.

Alessa, meine jüngste Tochter, war schon mit mir dort - eine unvergesslich schöne Woche, bevor ich sie in diesem Sommer sehr schweren Herzens eine lange Reise nach Amerika antreten lassen musste. Mein Nesthäkchen teilt meine Liebe zu Venedig, nicht zuletzt wegen einiger Jugendbücher, z.B. Herr der Diebe.

Jetzt hieß es die ältere Tochter sanft an die Schönheit dieser einzigartigen Stadt heranzuführen.

Sinja war schon häufig in Venedig, allerdings als Kind und konnte sich kaum noch erinnern. Da ich eine Stadtführung mit einigen Specials vorbereiten wollte, aber sonst viel freie Zeit hatte, bot es sich an, sie mitzunehmen.

Mir war schnell klar, dass sie einige begeisterte „A“s und „O“s meinetwegen ausstieß und doch gesteigerten Wert auf ausgiebige Bummel legte. Es ließ sich vereinbaren- selbst einen ganzen Strandtag am Lido haben wir uns gegönnt.

Während ich noch dies und das recherchierte, verglich meine modebewusste Sinja die Angebote der vielen netten kleinen Geschäfte. Erstaunlich, wie sie sich ohne meine Führung bereits am zweiten Tag in dem Gassenlabyrinth mit Stadtplan zurechtfand!

Eine Woche war schnell vorbei und unser letzter Abend war angebrochen. Wir gingen noch einmal durch die Stadt, aßen das letzte Eis bei Nico und gingen Richtung Hotel.
Ich liebe die Italiener für vieles, aber ganz besonders für ihr Rauchverbot in Bars und Restaurants. Wie viel angenehmer isst es sich, wenn man nicht im Qualm von den Nebentischen sitzen muss! Die Folge davon ist wohl allen Italienreisenden bekannt: Man trifft die Raucher vor den Lokalitäten an. Es gibt sogar im Winter draußen Tische und Stühle, über denen Daunenwesten für die Raucher wie Hussen hängen.

An der letzten Bar vor unserem Hotel blieben wir stehen, um noch ein schnelles Gläschen Wein zu trinken und dann unsere Koffer zu packen und schlafen zu gehen. Schließlich mussten wir am nächsten Morgen bereits um 8 Uhr am Flughafen sein. In Hamburg sollten wir von meinem Mann abgeholt werden, um gleich zu meinen Eltern zu einer Geburtstagsfeier zu fahren. Die ganze Familie war eingeladen und wenn wir uns auch ungern von Venedig trennten, freuten wir uns auf Schwestern, Tanten, Cousins und Cousinen, und Nichten und Neffen, usw. So ein Gläschen Wein konnte da nicht schaden und würde den Abschiedsschmerz etwas lindern.

Ehe ich mich versah, standen einige junge, sehr nette Leute mit an unserem Stehfass und meine Tochter unterhielt sich mit Händen und Füßen, halb auf englisch, teilweise mit italienischen Brocken (wo hatte sie die so schnell gelernt?), flirtete, rauchte elegant, was sie sonst nur ganz, ganz selten und nie in meiner Gegenwart tut, fütterte einen Hund mit den Chips vom Tisch und bezog mich freundlich in die vielen Unterhaltungen mit ein.

  

Es wurden Fotos für die Ewigkeit zur Erinnerung an diese neuen Freundschaften geschlossen und gelacht, getrunken und nicht mehr an die nahe Abreise gedacht.

Immer mehr Leute gesellten sich zu uns, es wurden gemeinsame Bekannte entdeckt und man freute sich ganz allgemein und ungemein, sich gefunden zu haben.
In Venedig schließen die Bars auch an den Wochenenden früh. Nach 23 Uhr etwas zu trinken zu bekommen, ist schwierig und eigentlich nur dann möglich, wenn der Besitzer selbst bedient und direkt in Venedig wohnt.
Alles anderen Lokalitäten müssen so früh schließen, weil kaum jemand vom Personal die teuren Mieten in Venedig bezahlen kann und somit fast alle in Mestre oder auf dem sonstigen Festland wohnen. Dorthin müssen sie mit dem letzten Zug gelangen, der um kurz nach 24 Uhr fährt.

Deshalb trifft man besonders an Freitagabenden auf den vielen Plätzen rund um die Zisternen junge, fröhliche Leute an. Teilweise haben sie eine kleine Musikanlage dabei, aber es ist auch durchaus nicht ungewöhnlich, dass jemand eine Gitarre mitbringt und gesungen wird.
Ein neuer Treffpunkt ist in der Nähe des Rialto -Fisch- und Gemüsemarkts.

Dort sind gerade einige Szenelokale aufgemacht worden, die aber ebenfalls vor Mitternacht schließen. Dann sitzen die Gäste, die vorgesorgt haben, mit Gläsern und Flaschen am Ufer des Canal Grande und genießen die laue Luft, den wunderschönen Blick auf den Kanal, auf dem majestätisch die Vaporetti vorbeigleiten, oder die vielen kleinen Privatboote vorbeizischen, auf denen fröhliche Leute zu privaten Partys fahren.

Die neuen Freunde meiner Tochter hatten auch noch eine Verabredung mit Freunden, zu der Sinja einfach mitmusste. Ich versuchte gar nicht erst, an die jetzt langsam bedrohlich näher kommende Abfahrt zu erinnern, sondern versprach, ihren Koffer zu packen und sie rechtzeitig zu wecken.
Wie gut konnte ich verstehen, dass sie diese Lebensfreude, Fröhlichkeit, Gastfreundschaft, einfach das Dolce Vita faszinierte und sie nicht wollte, dass dieser schöne Abend jemals enden würde.


Sinja

Ich ging also alleine ins Hotel, packte, legte mich ins Bett, schlief immer kurz ein, schreckte wieder hoch, bis Sinja endlich gegen Morgen glückseelig ins Zimmer kam.

Den Flug, die Autofahrt zu Oma und Opa und auch fast die ganze Geburtstagsfeier hat meine Tochter verschlafen.

Aber sie hatte einen neuen Lieblingssatz „Non parlo italiano“. Brauchst du auch nicht, Sinja. Man versteht dich auch so und außerdem kommt das ganz bestimmt noch! Schließlich hast du ja deine Liebe zu meiner Lieblingsstadt entdeckt!

 Ute Mathews, Dezember 2007

Alessa

  
  
  

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